Mein erster Monat

| Kanada

Hey, ich bin Luzie und bin 16 Jahre alt! Seit über einem Monat lebe ich nun schon in Ladysmith, einer kleiner Stadt (in der Nähe von Nanaimo), auf Vancouver Island. 

 

 

Zu Beginn, was bewegt mich dazu, mein Auslandsjahr zu machen? Weshalb habe ich diese große Entscheidung getroffen? Wie könnt ihr euch sicher sein, dass ein Auslandsjahr das Richtige für EUCH ist? 

 

Ich war schon immer gerne unterwegs und liebe das Reisen, seit ich denken kann. Als ich klein war, war ich schon immer ganz aufgeregt und voller Vorfreude, wenn ich wusste, irgendetwas Neues entdecken zu können und zum Beispiel bei Freundinnen übernachten zu dürfen, ich war immer Feuer und Flamme. Ich wusste schon so unglaublich lange, dass ich später mal die Welt erkunden möchte und habe dabei eigentlich immer an die Zeit nach dem Abitur gedacht. Tatsächlich habe ich mich relativ spontan dazu entschieden, das alles ein bisschen vorzuziehen. Warum warten, wenn du genau weißt, dass es das ist, was du erreichen möchtest und was dich glücklich macht?! Ich bin sehr dankbar, solch eine tolle Möglichkeit zu haben, um über mich selber hinauszuwachsen und das tun zu können, was ich mir erträumt habe. Das Lachen und Wertschätzen sind die Dinge, die jeden meiner Tage erfüllen und zu dem machen, was sie sind. 

 

Oft kann ich gar nicht aufhören mit dem Erzählen und manchmal plappere ich vielleicht auch ein bisschen zu viel. Genauso gerne schreibe ich aber auch und ich freue mich sehr, euch an meiner Reise teilhaben lassen zu können. Niemand ist perfekt, auch ich nicht, aber ich gebe mein bestes und das ist das Wichtigste. Eine positive Einstellung und überwiegender Optimismus, können uns nur weiterbringen. Auch, wenn ich nicht herumreise und meine Zeit nur an einem Ort verbringe, bereue ich meine Entscheidung absolut nicht-im Gegenteil, es ist wirklich toll. Lügen will ich aber auch nicht, einfach, ist natürlich nicht alles und es gibt auch Herausforderungen, denen ihr euch stellen müsst. Es gibt Momente, in denen ihr traurig sein werdet, in denen ihr eure Freunde und eure Familie Zuhause vermissen werdet. Das Gute ist, ihr könnt nur lernen, ihr werdet stärker und selbstständiger. 

 

Für mich ist meine Zeit hier der erste große Schritt in mein eigenes, Leben, denn ich treffe meine eigenen Entscheidungen, sammele eigene Erfahrungen und mache genau das, was sich für mich persönlich richtig anfühlt. Sehr wichtig ist aber, dass ihr auf andere zugeht, auch, wenn ihr sonst eher der schüchterne Typ seid. Ich weiß das sagen alle, aber spätestens, wenn ihr an meiner Stelle schreibt, werdet ihr wissen, dass das, das A&O ist, um neue Leute kennen zu lernen und euch gut einzuleben. Bei uns war es so, dass wir sehr viele Deutsche sind, das heißt, dass wir uns anfangs erst einmal untereinander angefreundet haben, weil das der einfachere Weg war. Außerdem sind alle in der gleichen Situation, was direkt zusammenschweißt, das ist total schön. Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch nach fast anderthalb Monaten hier, noch hauptsächlich internationale Freunde, auch, wenn ich schon sehr viele, liebe Kanadier und Kanadierinnen kennen gelernt habe. Ihr müsst überhaupt keine Angst haben, dass ihr nicht herzlich aufgenommen werdet-im Gegenteil, es wird euch eher überraschen, wie freundlich hier alle sind. Zur Begrüßung fragen immer alle, wie es dir geht, auch, wenn du nur an der Kasse im Supermarkt bezahlst! 

 

 

Im Alltag gibt es sowohl viele Unterschiede als auch einige Gemeinsamkeiten. Es ist schwierig über den Alltag in einer kanadischen Gastfamilie zu erzählen, denn das ist einfach von Familie zu Familie sehr unterschiedlich (bei uns in Deutschland ja auch). Meine Gastfamilie ist folgendermaßen aufgebaut (ich würde sagen, sie ist vom Aufbau her eine sehr typische Familie). Ich habe einen kleinen Gastbruder, der 12 ist und ich habe eine Gastschwester, die letzte Woche 16 geworden ist, also in meinem Alter ist. Es ist wirklich schön, eine Gastschwester zu haben, die sogar in meine Stufe geht. Leider sind wir beide relativ viel unterwegs, aber wir verstehen uns an sich sehr gut. Vorgestern Abend, haben wir beispielsweise einen gemeinsamen Spaziergang zu Starbucks gemacht. Auch, dass ich momentan in einer Stadt am Meer lebe, schätze ich wirklich sehr. Jetzt, wo die Herbstzeit anfängt, ist es noch viel schöner, denn die Bäume und auch die Blätter hier sind einfach riesig. 

 

 

 

 

 

Ich habe mich für Ladysmith entschieden, da es hier so vielfältig ist. Man findet den Strand, am Horizont die Berge Vancouvers, die kleinen Nachbarinseln und riesige Wälder, und das Alles, in einer Stadt, mit gerade mal 8500 Einwohnern. Es ist ein bisschen schade, dass die Busverbindung hier nicht so gut ist und wir deshalb nicht so viele Möglichkeiten haben, um die weitreichende Gegend zu erkunden. Aber eigentlich ist es hier schon so schön, dass man das auch gar nicht unbedingt muss. Letzte Woche haben wir zum Beispiel Beach-Volleyball, mit Musik, am Meer gespielt und Pizza an den Strand bestellt. In der Schule gibt es ein Volleyball- und ein Basketballteam, in denen ich spiele. Einen Tim Hortons gibt es hier auch und die ganze Stadt ist generell wirklich sehr süß. Wenn man die Hauptstraße entlang geht, hat man einen super Blick auf einen großen Berg und über der Straße sind Lichterketten gespannt, was besonders abends, während des Sonnenuntergangs, sehr schön ist. Es gibt einen Thrift-Store (Second-hand-Laden), in dem auch meine Gastschwester arbeitet. Sogar ein Film bzw. eine Serie wurde hier schon gedreht, seit ich hier angekommen bin. Berühmt ist Ladysmith besonders für den „Sonic the Hedgehog-Film“, der vor einiger Zeit gedreht wurde. Es war wirklich cool, das Alles so mit zu beobachten. Es wurden amerikanische Flaggen aufgehängt, der Verkehr wurde umgeleitet, wir wurden zwischendurch wegschickt, als wir auf einer Bank etwas gegessen haben und meine Gastmutter hat erzählt, dass sogar schon einmal Gebäude für einen Film umgestrichen wurden. 

 

 

Unsere Schule liegt etwas entfernt vom kleinen Zentrum Ladysmiths. Das Straßensystem hier ist sehr lustig aufgebaut. Es ist ähnlich, wie zum Beispiel ein Schachbrettfeld, denn es gibt die Straßen, die von unten nach oben führen, und dann gibt es die Straßen, die parallel zum Hang quer durch die Stadt und die Wohnsiedlungen verlaufen. Einerseits ist es sehr übersichtlich, aber andererseits kann man auch schnell mal die Orientierung verlieren. Unsere Schule liegt jedenfalls relativ weit oben auf dem Hang und man kommt nur durch einen kleinen Spaziergang zum Strand oder in die Stadt. Das Schulsystem an der LSS (Ladysmith Secondary School) ist folgendermaßen aufgebaut. Es gibt jedes Halbjahr vier Kurse, die man belegen muss. Die Leute, die hier länger zur Schule gehen, haben ein paar Regeln, beim Wählen ihrer Kurse. Beispielsweise dürfen sie nur eine oder zwei der Fun-Classes belegen und müssen zusätzlich auch Fächer wie Mathe und Englisch wählen. Bei mir sieht das ein bisschen anders aus, weil ich hier nicht dauerhaft zur Schule gehe. Im Voraus durfte ich meine sieben Favoriten aus der riesigen Auswahl von Fächern auflisten. Am ersten Schultag haben wir dann unsere Kurse bekommen, was sehr spannend war. Ich bin sehr zufrieden mit meinen Kursen, und zwar sind das Outdoor Education (der Name sagt es ja eigentlich schon… es geht in die Richtung „Pfadfinder“), Theater (Musical, Drama), Psychologie und Kunst. Diese vier Kurse habe ich das erste Halbjahr über jeden Tag. Die Reihenfolge der Fächer ändert sich von Tag zu Tag. Die Schule geht hier von 8:30 Uhr bis 3:00 Uhr am Mittag. Eine Schulstunde hat 55-70 Minuten und gegen 12 Uhr gibt es eine Lunch-Pause von 35 Minuten. Montags und freitags haben wir ein bisschen früher Schluss, aber an den restlichen Tagen, bin ich meistens bis fünf in der Schule, da ich nach dem Unterricht noch Training habe. 

 

 

Interessiert ihr euch für die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Schulalltag? Manche Dinge sind gleich oder ähnlich, aber es gibt auch Angewohnheiten, die sich komplett von den Deutschen unterscheiden. Beispielsweise, dass hier mittags zum Lunch nur ein Sandwich oder ein anderer kleiner Snack gegessen wird und dafür erst abends warm gegessen wird. Bei mir sieht das dann so aus, dass ich zweimal am Tag richtig/warm esse. Vielleicht liegt es daran, dass ich es in Deutschland gewohnt bin mittags zu essen, vielleicht aber auch einfach daran, dass das Essen hier in der Cafeteria wirklich super ist, da es von den anderen Schülern zubereitet wird. Es gibt ein Fach, in dem sie das Essen zubereiten, kochen und backen. Dazu ist es noch total günstig, weil wir nur die Kosten für die Lebensmittel bezahlen müssen. Mittlerweile habe ich mich ein bisschen an das kanadische Schulsystem gewöhnt, es ist nämlich wirklich ein großer Unterschied zu der Schule in Deutschland. Schule ist natürlich auch hier ein Ort zum Lernen und gleichzeitig aber auch ein Ort, um Spaß zu haben, Hobbys auszuüben und kreativ zu werden. Aus meiner Sichtweise, ist Schule und Freizeit bei uns sehr separiert und hier sehr verbunden. Die Lehrer erzählen von ihren Erlebnissen außerhalb der Schule, man lernt sie kennen, denn sie lassen die Schüler sehr an sich heran kommen und andersherum, sieht es ähnlich aus. 

Ich liebe es, dass jeder genauso akzeptiert wird, wie er ist. Jeder hier ist anders, jeder ist individuell, manche kommen mit High-Heels zum Unterricht, andere mit Schlappen-jeder eben genau so, wie er oder sie sich wohlfühlt. In Drama beispielsweise, müssen wir unsere Schuhe einfach alle ausziehen, denn, wenn man sich wohl fühlt, kann man besser lernen. „Lernen“ hat hier eine ganz andere Bedeutung als bei uns. In Deutschland verbinden viele lernen mit Stress, Arbeit und man fühlt sich durch die Noten oftmals sehr unter Druck gesetzt. Hier ist lernen jeder kleine Erfolg, über den man sich gemeinsam freut. Noten sind sehr nebensächlich und das Ziel ist es, die Schüler zu motivieren und ihnen klarzumachen, was wirklich wichtig ist. Hier wird ein sehr großer Wert auf Kreativität, Fantasie und vor allem, Lernerfolg gelegt-nach dem Motto „Verstehen durch Freude“. Ja, auch in Deutschland gibt es entspannte, nette Lehrer, die nach diesem Motto arbeiten. Die meisten von ihnen vertreten aber das Lernen durch Druck, Noten, Tests und Arbeiten. Meiner Meinung nach, sind die Lehrer in Deutschland alle sehr unterschiedlich und jeder von ihnen lehrt mit der eigenen Überzeugung. In Kanada haben alle die gleiche, oder zumindest eine sehr ähnliche, Überzeugung, alle Lehrer verfolgen das gleiche Ziel und sie versuchen es auch alle, auf einem sehr ähnlichen Weg zu erreichen. Ein paar Beispiele: In Psychologie bringt unser Lehrer manchmal Süßigkeiten oder Donuts von Tim Hortons mit, die als Motivation und Belohnung dienen sollen. Im Drama-Kurs sind Schüler, deren Alter sich teilweise um 4 Jahre unterscheidet (14-17/18). Das Ziel ist es, dass die älteren Schüler die jüngeren korrigieren und ihnen helfen, denn hier ist man der Überzeugung, dass Schüler sehr gut von anderen Schülern lernen können. Wir starten unsere Dramastunde/n jeden Tag mit einem Sitzkreis im Theater. Jeder stellt sich vor und jeden Tag überlegen wir uns ein neues Thema, zu dem jeder dann ein bisschen was erzählen soll. Dieser Kurs hat etwas sehr besonderes, denn dort werden die wirklich wichtigen Werte weitergegeben. Ich glaube, in der ganzen ersten Zeit, sind noch keinmal die Worte Wertung oder Beurteilung gefallen. Auch in meinen anderen beiden Kursen, ist das nicht wirklich anders. Unsere Kunstlehrerin, bewundert jedes unserer Bilder, als wäre es das schönste Kunstwerk, das sie je gesehen hat. Kreativität ist in diesem Kurs sehr hoch geschrieben und sie unterstützt uns dann, bei der Umsetzung unserer Ideen. Für sie ist Kunst nicht nur ein einfaches Bild mit Farbe, sondern auch alles darüber hinaus. Wir sind dazu aufgefordert Texte, die uns inspirieren oder Bilder, die wir mit den Themen verbinden, mit in unsere kleinen Kunstwerke einfließen zu lassen. Solange man immer sein Bestes gibt, ist bei ihr alle Ideen eine gute Note wert.

In Outdoor Education geht es vor allem darum, die Natur zu respektieren, aber sie gleichzeitig auch zu nutzen und zu bewundern. Wir lernen in Notfallsituationen draußen zu überleben. Wir waren schon an zwei sehr schönen Seen angeln und haben selber Zelte im Wald gebaut. Ein großer Unterschied zur deutschen Schule ist hier auch, dass das gelernte viel mehr praktiziert wird. Alles, was man auf praktischem Weg gut verstehen kann, wird auch auf diese Art und Weise gelernt. Theoretisch ist der Unterricht nur, wenn die Lehrer der Überzeugung sind, dass es auf diesem Weg verständlicher ist. Ich finde Vieles an dem Schulsystem hier wirklich sehr gut.

Auch in meiner Gastfamilie bin ich wirklich zufrieden. Wir haben schon ein paar kleine Ausflüge gemacht, wir waren in einem kleinen Ort in der Nähe, in einer Shopping-Mall und einem total schönen Wald. Auch am Strand waren wir schon gemeinsam. Mit meiner Gastmutter und meiner Gastschwester gehe ich manchmal zu den Girl-Guides. Das ist eine kleine Pfadfindergruppe, mit der wir verschiedene Aktivitäten machen. Wir haben auch geplant, mal zusammen zu kochen. Das Essen hier ist relativ einseitig und auf jeden Fall ungesünder, als bei mir Zuhause. Das Brot und die Pizza beispielsweise sind fast dreimal so dick und Pommes, Kartoffelecken und Chips gehören mit Sandwiches, Burgern und Wraps zu unseren Hauptnahrungsmitteln. Es gibt viel Gemüse, das Obst kaufen wir nur saisonal, da es sonst zu teuer ist. Das Wasser aus der Leitung schmeckt sehr gechlort, aber das ist Gewöhnungssache. Das Thema kam unter den Austauschschülern schon ein paar Mal auf und wir bevorzugen alle das deutsche Leitungswasser. Dafür gibt es hier in der Schule, oder sogar am Straßenrand, Wasserspender, an denen man seine Trinkflasche auffüllen kann. Als ich meinen Freunden und meiner Familie Zuhause davon erzählt habe, waren sie alle der Meinung, dass das auf jeden Fall auch eine gute Idee für meine kleine Stadt in Deutschland wäre. Es ist manchmal ziemlich schwierig zu telefonieren, denn, wenn bei mir später Abend ist, starten sie gerade in den Tag. Wenn bei ihnen dann Abend ist, bin in der Schule. Meistens verständigen wir uns also mit Sprachnachrichten und Fotos. 

Durch die neun Stunden Zeitverschiebung hatte ich eigentlich einen schlimmen Jet-Lag erwartet, als ich am Nanaimo Airport ankam. Ich war über 26 unterwegs und kam um 9 Uhr am Abend an. Das war die perfekte Zeit, weil so habe ich direkt schlafen können, ohne aus dem kanadischen Rhythmus zu kommen. Ich habe also kaum etwas von meinem Jet-Lag gemerkt. Der Flug war total schön und lustig, bis auf den Fakt, dass unser Umstieg in Calgery etwas stressig war. Aber wir sind ja gut angekommen, das ist die Hauptsache. Wir waren alle tot müde, als wir hier angekommen sind, was nicht die perfekte Grundlage dafür ist, seine Gastfamilie kennen zu lernen. Aber sie hatten totales Verständnis und wir haben uns am nächsten Morgen erst einmal total lange Unterhalten. Die erste Zeit hier in Kanada war sehr aufregend und schön und ich bin sehr froh, dass ich diesen Schritt gegangen bin und nun für einige Zeit auf Vancouver Island leben darf.

Ich freue mich sehr darüber, meine Erfahrungen mit euch zu teilen, euch vielleicht ein bisschen zu inspirieren zu können und euch bei eurer eigenen Entscheidung ein bisschen weiter zu helfen. Letztendlich müsst ihr eure Entscheidung natürlich alleine treffen. Wenn ihr wirklich ein Auslandsjahr machen möchtet, dann zögert nicht. Euch muss allerdings bewusst sein, dass ihr dafür Zuhause einiges aufgebt. Ihr müsst euch fragen, was eure Ziele sind und das ist, was ihr erleben möchtet und ob das einer der Dinge sein soll, auf die ihr später stolz sein möchtet!